„Don’t panic!“ – irgendwas zwischen Analyse und Ausblick

Die Landtagswahl in Niedersachsen ist gelaufen und hat mit irgendwas um die 1,9% für die Piraten das zu erwartende herbe Ergebnis gebracht. Ich möchte das mal etwas auseinander nehmen und die Ursachen beleuchten.
Und mich dabei auch an die eigene Nase fassen.

Die Ursachen

1. Der Hype
Ein häufig beschriebenes Phänomen, das zu größtenteils realitätsfernen Umfragewerten geführt hat, ist der Hype und mediale Bohei um die Piraten im Nachgang zur Berlinwahl. Von September 2011 bis in den Herbst 2012 stiegen Mitgliederzahlen, saßen alle Nase lang Piraten bei Lanz & Konsorten – und wurden wie Tanzbären in der Medienmanege herumgeführt. Kein Wunder also, dass die Aufmerksamkeit irgendwann nachlässt. Ein und dieselbe Sau lässt sich nicht beliebig oft durch’s Dorf treiben. Die Prozentwerte in Niedersachsen sind eigentlich nur wieder auf einem realistischen Niveau angekommen.

2. Die Personalfragen
Ob Ponader, Schlömer, Schramm oder (in Bayern) Körner – das interne Personalgedöns interessiert keinen. Zumindest nicht, wenn es dabei nicht irgendwie um Themen und Inhalte geht. Wenn dann aber noch gefühlt aus der Breite der Basis ein Hass-Gezanke kommt, macht sich die Partei unglaubwürdig. Denn so gut, wichtig und entscheidend für die Zustimmung durch Bürger der Streit um Inhalte ist, so sehr schadet ein rein auf Machtinteressen fokussierter Machtkampf.
Mit diesem Verhalten reihen wir uns direkt neben allen anderen Parteien ein. Warum also Piraten wählen, wenn man Posten- und Kompetenzgerangel auch nebenan haben kann?

3. Themen und Profile
Alle Parteien haben, mehr oder weniger, ein Profil. Wer sie wählt, weiß also, was er bekommt. Und sei es nur die Gewissheit, die nächsten Jahre wieder angelogen zu werden. Die Piraten haben im vergangenen Jahr wichtige Schritte zu einer inhaltlichen „Profilierung“ gemacht. Aber woher sollen Wähler davon wissen? Hier fehlen zwei entscheidende Faktoren:

a) Fairer Umgang
Wie sollen Themen, die in Bochum oder Neumünster beschlossen wurden, innerhalb weniger Monat in den Köpfen verankert sein, wenn große Teile der Partei damit beschäftigt sind, möglichst vielen Mit-Piraten an’s Bein zu pissen? Oder sich gegen das angepisst werden zu verteidigen? Und das schon teilweise auf Stammtischen oder Kreisverbänden, also den kleinsten Zellen innerhalb des Gesamtkonstrukts Partei. Sachliche, hitzige, zielgerichtete Diskussionen dagegen wären wichtig und motivieren – kurz gesagt ein fairer Umgang miteinander eben.

b) Zeit
Wie sollen Themen, die in Bochum oder Neumünster beschlossen wurden, innerhalb weniger Monate in den Köpfen verankert sein? So ein Prozess braucht Zeit und kontinuierliche Arbeit. Kein Wunder also, dass kaum jemand weiß, wofür wir stehen. Lassen wir den Menschen Zeit, uns kennen zu lernen aber bleiben wir gleichzeitig beharrlich und werden damit verlässlich und glaubwürdig.


Konsequenzen

Auch wenn die oben genannten Punkte eigentlich nichts Neues sind, sehe ich die Landtagswahl in Niedersachsen doch als Zäsur, als Möglichkeit die eigene Rolle zu überdenken. Sowohl als Partei insgesamt, als auch persönlich innerhalb der Partei.

Rückblickend war das vergangene Jahr 2012 für viele von uns unglaublich anstrengend und aufreibend – auch für mich. Angefangen mit dem über Nacht explodierenden Interesse und Zulauf der Partei, dem mit minimalen Strukturen zu handelnden Maximalaufwand.
Im weiteren Verlauf dann die ersten Frustwellen, bei Menschen, die sich nicht so selbst verwirklichen konnten, wie sie das gerne gehabt hätten („Ja, der Schutz von Bäumen ist wichtig. Aber wir übernehmen die Arbeit daran nicht für dich!“).
Das Ganze dann gipfelnd in den monatelangen Grabenkämpfen um die Aufstellungsversammlungen im Sommer/Herbst, der daraus resultierend Frontenbildung und dem verblendeten Obrigkeits-Beißreflex. („Wenn ich den Vorstand anpisse, bringt mir das bestimmt Pluspunkte bei der Basis!“).

Weil ich an das Projekt Piraten glaube und hinter den Zielen stehe, weil ich denke, dass wir noch nicht mal ansatzweise unser Potential ausgeschöpft haben, ziehe ich für mich die Konsequenzen – und mache weiter:
Weiter mit noch aktiverem Igonieren von desktruktivem Verhalten, wo möglich.
Weiter mit bewusstem Entgegentreten von Bremsern, Egomanen und Trittbrettfahrern, wo nötig.
Weiter mit dem Verteidigen der basisdemokratischen Idee.
Aber auch:
Weiter mit dem Vorantreiben der (kommunalen) Programmarbeit.
Weiter mit dem Aufbau von nötigen und Abbau von unnötigen Strukturen.
Weiter damit, dass ich anderen Piraten, die arbeiten wollen, den Rücken freihalte und stärke.

Und ihr solltet das auch tun. Für mehr Lurch und mehr Punkrock.

Lesenswert dazu auch: .NEUSTART2013 und Gegen den gewohnten Schmerz

3 Gedanken zu „„Don’t panic!“ – irgendwas zwischen Analyse und Ausblick“

  1. Ich finde Deinen äußerst selbstkritischen Bericht sehr gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass gerade die sich den Schuh anziehen, die allzu selbstverliebt meinten, es täte alles von selber gehen. Das wäre so schade. Es wäre schade um das Projekt und es wäre schade um die große Hoffnung, die die Piraten immer noch sein könn(t)en. Aber, es ist ganz altmodische, harte Arbeit nötig und zwar eine große Protion davon. Und vielleicht hast Du Recht, vielleicht verlassen nun die vermeintlichen (falschen) Freunde das Schiff jetzt, wo es erst mal Kater gibt aber keine Fete. Auch das wäre eher eine gute Nachricht, finde ich.

    Zum Ausblick: Die Chancen stehen nach wie vor sehr sehr gut (in Richtung Bundestagswahl), glaube ich. Man muss jetzt wieder mit seriöser Arbeit anfangen. Oder, wenn ich an Dich denke und so viele andere gute Leute innerhalb der Partei: macht bitte weiter, mit großer Kraft und ohnehin guten Argumenten. Das wünsche ich mir sehr. Liebe Grüße, Markus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *